Wie entstehen Allergien? Aktuelle Hypothesen.

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Allergien sind ein komplexes Thema. Sie haben sich sicherlich schon einmal gefragt, weshalb der Körper Abwehrmechanismen gegen eigentlich harmlose Stoffe wie Blütenpollen, Tierhaare oder Nüsse entwickelt. Bislang gilt als sicher, dass unsere Gene die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie zu entwickeln, zu großen Teilen determinieren. Wenn z. B. zwei Personen, die unter Heuschnupfen leiden, ein Kind bekommen, liegt die Wahrscheinlichkeit bei ca. 60 %, dass der Nachwuchs diese Unverträg­lichkeit übernimmt.

Die Wissenschaft diskutiert jedoch noch weitere Hypothesen, was die Trigger für die Entwicklung einer Allergie sein könnten. Diese möchten wir Ihnen im Folgenden vorstellen.

Die Hygiene-Hypothese

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Bakterien aus der Natur trainieren das Immunsystem
Quelle: https://www.pexels.com/@yungsaac

Zum Einstieg soll gesagt sein, dass sich die Hygiene-Hypothese nicht auf die persönliche Sauberkeit bezieht. Eine verminderte Körperhygiene, wie z. B. das Händewaschen, bietet keinen Vorteil in der Ausbildung eines starken Immunsystems, sondern erhöht schlicht und einfach das Risiko einer Infektion. Hygiene stellt einen essenziellen Faktor in der Bekämpfung gefährlicher Krankheiten wie z. B. Cholera oder Ebola dar.

Vielmehr geht es um die allgemeine Sterilisierung der Lebensräume industrialisierter Regionen. Kinder wachsen heute vermehrt in einer Umgebung auf, in der deutlich weniger Bakterien vorhanden sind als früher. In Deutschland ist ein klar erkennbarer Anstieg der Allergieerkrankungen seit etwa der 1960er Jahre zu beobachten. Der wachsende Wohlstand und die sich dadurch verändernden Lebensbedingungen haben den Menschen noch weiter von der Natur entfernt, als es die Industrialisierung ohnehin schon tat. Der Kontakt zu natürlichen Mikrobiomen, wie er z. B. in der Landwirtschaft zustande kommt, bleibt weitestgehend aus.

Die Theorie besagt, dass das menschliche Immunsystem dadurch zu wenig mit „echten Keimen“ konfrontiert wird und aus diesem Grund gänzlich ungefährliche Stoffe bekämpft. Forscher nennen diese Bakterien und Viren auch „alte Freunde“. Dies beschreibt den Verdacht, dass es sich bei Allergien auch um ein evolutionäres Phänomen handelt. Zu Zeiten des Jagens und Sammelns waren Menschen permanent mit Bakterien konfrontiert, die sich auf Obst, Gemüse oder auch Fleisch befanden. In der modernen Gesellschaft fehlt unserem Immunsystem dieses Training.

Im Übrigen wurde beobachtet, dass Kinder aus wohlhabenden Schichten häufiger unter einer Allergie leiden als Kinder in ärmeren Bevölkerungsgruppen.

Ernährung

Mit der Veränderung der Lebens- und Arbeitswelten haben sich auch die Essgewohnheiten in Industrieländern gewandelt. Der Zugang zu Nahrung war noch nie so einfach wie heute. Auch die angebotene Vielfalt war nie größer. Aber dafür zahlen wir einen Preis.

Phthalate – was Verpackungen mit unserem Körper anstellen

Allergien Lebensmittel in Plastikverpackung
Plastikverpackungen haben einen Einfluss auf unsere Hormone

Um die besagte Auswahl an Fleisch, Gemüse, Fisch und Obst ganzjährig garantieren zu können und z. B. auch im Winter frische Erdbeeren in den Regalen zu finden, muss die Produktion global erfolgen. Eine überregionale bis globale Produktion bedeutet einen Transport der Güter. Und dies wiederum erfordert in vielen Fällen eine Verpackung derselben.

An dieser Stelle kommen die Phthalate ins Spiel. Diese schwer auszusprechenden Stoffe sind Ihnen vermutlich eher als Weichmacher bekannt. Im Detail handelt es sich dabei um Ester und Salze der Phthalsäure, die Kunststoffen wie PVC zugesetzt werden, um diese geschmeidiger zu machen. Sie stehen stark in der Kritik, da ihnen nachgesagt wird, in den menschlichen Hormonhaushalt einzugreifen und die Entstehung verschiedener Krankheiten zu fördern. Studien legen nahe, dass Weichmacher auch die Entwicklung von Allergien fördern. An der Entstehung einer Allergie sind T-Helferzellen beteiligt, da diese bei der Abwehr schädlicher Stoffe mitwirken. Sie werden in einem gesunden Organismus durch Repressoren reguliert. Tests haben gezeigt, dass Phthalate diese Repressor-Gene hemmen. Hierdurch fällt der Gegenspieler der T-Helferzellen weg und diese greifen stärker gegen Fremdkörper durch, als sie es normalerweise täten. Es erhöht sich hierdurch die Wahrscheinlichkeit, dass das Immunsystem eine Allergie entwickelt.

Westliche Ernährungsgewohnheiten – Glykation und AGEs

Glykation bezeichnet die Reaktion von Proteinen, Lipiden oder Nukleinsäuren mit Kohlenhydraten ohne die Beteiligung von Enzymen. Die Produkte der Glykation werden Advanced Glycation End Products (AGE) genannt. Wenn diese Stoffe an den Monozyten, im Blut zirkulierende Zellen des Immunsystems, andocken, können sie Immunreaktionen wie z. B. Entzündungen hervorrufen. Eine zu hohe Konzentration von AGEs kann damit zu einer Fehlfunktion des Immunsystems führen und damit auch die Entstehung von Allergien begünstigen.

AGEs entstehen in exogenen Prozessen durch hohes Erhitzen, wie z. B. Braten oder Grillen von Lebensmitteln. Fleisch, Wurst und Milchprodukte enthalten mit ihren gesättigten Fettsäuren aber bereits ohne weitere Zubereitung hohe Mengen AGEs. Auch in endogenen Abläufen können AGEs gebildet werden, indem dem Körper minderwertige Zucker zugeführt werden. Diese sind bspw. in Weizenmehlprodukten oder Süßigkeiten enthalten.

Die Ernährungsgewohnheiten westlicher Industrienationen können durch den hohen Anteil an Fleisch, Weizenprodukten und Milchprodukten also einen Faktor für die Entwicklung von Allergien darstellen.

Luftverschmutzung

Allergien Luftsverschmutzung
Emissionen beeinflussen die Atemwegsschleimhaut und können Allergene verändern.

Die Entwicklung unserer Umwelt und des Lebensraumes, in dem wir uns bewegen, hat einen Einfluss auf unseren Organismus. Ebenso wie die beiden Hypothesen zur Hygiene und Ernährung, greift auch die Allergietheorie der Luftverschmutzung die Entwicklung von Industrienationen als zentralen Faktor auf.

Die Hypothese bezieht sich vereinfacht gesagt auf die Annahme, dass insbesondere die schädlichen Abgase eines erhöhten Verkehrsaufkommens zur Entstehung von Allergien beitragen. Die Stickoxide von Dieselmotoren fördern Entzündungs­prozesse im menschlichen Körper. Zudem steigern Gase von Verkehrsemissionen die Durchlässigkeit der Atemwege für Allergene. Das heißt, die natürlichen Abwehrmechanismen sind geschwächt und unser Immunsystem reagiert stärker auf die körperfremden Stoffe.

Aber nicht nur auf dem direkten Weg können Abgase die Entstehung von Allergien vorantreiben. So wurde z. B. bei Beifußblättrigem Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) eine Veränderung unter der Einwirkung von Stickstoffdioxid (NO2) beobachtet. Durch die äußere Belastung verändert die Pflanze die Proteinzusammensetzung ihrer Pollen, wodurch sie beim menschlichen Körper stärkere Immunreaktionen hervorrufen könnte.

Deutschlandkarte allergisches Asthma Bodfeld Apotheke Blog
Behandelte Fälle von allergischem Asthma 2015
Quelle: www.allergie.de

Aber auch die bereits entwickelten Pollen werden durch Schadstoffe wie NO2 und Ozon verändert. Die Schwebestaubpartikel von Abgasen bedecken Pollen und verändern durch den chemischen Prozess der Nitrierung deren Allergengehalt.

Einen möglichen Beleg für den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Allergien liefert eine Karte, die zeigt, wo 2015 die meisten Fälle von allergischem Asthma behandelt wurden. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Schwerpunkte auf Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet, der Rhein-Main-Region oder auch auf Großstädten wie Stuttgart, München und Berlin liegen. In dünn besiedelten Gebieten wie z. B. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder dem Emsland hingegen wurden nur wenige Fälle verzeichnet.

Zusammenfassung: Allergien – ein hausgemachtes Problem?

Die Gemeinsamkeit der Hypothesen zur Entstehung von Allergien ist Ihnen sicherlich aufgefallen. Sie alle beziehen sich auf die Veränderungen der menschlichen Lebensbedingungen durch die fortschreitende Industrialisierung. Ist der Mensch also selbst dafür verantwortlich, dass die Zahl der Allergieerkrankungen steigt? Im Fokus der Betrachtung stehen vor allem moderne Industrienationen. Hier noch einmal die Hypothesen mit ihren wichtigsten Punkten kurz zusammengefasst.

Hygiene

Die hygienischen Bedingungen haben sich innerhalb der letzten ca. 70 Jahre drastisch verändert. Dies führt dazu, dass Kinder deutlich seltener mit natürlichen Krankheitserregern in Berührung kommen und das Immunsystem schwächer ausgebildet wird bzw. sich gegen ungefährliche Stoffe richtet.

Ernährung

Verbraucher wünschten sich immer mehr Auswahl, saisonal unabhängige Angebote und ein längeres Mindesthaltbarkeitsdatum. Dies führt zu längeren Transportwegen, mehr Verpackungsmaterialien und künstlichen Zusatzstoffen. Die Art, wie wir essen, wurde in den letzten Dekaden grundlegend auf den Kopf gestellt.

Die in Plastikverpackungen enthaltenen Weichmacher greifen langfristig in den menschlichen Hormonhaushalt ein und können Gene verändern. Sie beeinflussen die Wirkweise unseres Immunsystems und können dessen Funktion stören, sodass sich Allergien entwickeln können.

Eine weitere Ursache bildet der übermäßige Genuss von Fleisch, Milch- und Weizenprodukten, die den menschlichen Körper belasten, indem sie entzündungsfördernde Stoffe beinhalten bzw. deren Produktion fördern.

Luftverschmutzung

Die Schadstoffbelastung, vor allem in Ballungsgebieten, greift Mensch und Natur an. Im menschlichen Organismus erhöht Stickstoffdioxid die Durchlässigkeit der Atemwegsschleimhaut. Schadstoffe können leichter eindringen und unser Immunsystem reagiert stärker, als es eigentlich müsste. Zudem beeinflussen Emissionen die Pflanzenwelt. So werden z. B. unter äußerem Schadstoffeinfluss Pollen mit veränderter Proteinstruktur gebildet, die unser Immunsystem stärker attackieren. Die Abgase lagern sich außerdem auf den Pollen ab und verändern dadurch den Allergengehalt. Auch wenn die Prozesse und genauen Faktoren, wie und warum sich Allergien entwickeln, noch nicht zu 100 % erforscht wurden, zeichnen die Hypothesen mit ihren verschiedenen Anhaltspunkten ein recht deutliches Bild. Der Mensch hat sich durch den technischen Fortschritt und die steigenden Lebensstandards immer weiter von natürlichen Lebensbedingungen entfernt. Gepaart mit den zahlreichen Eingriffen in natürliche Prozesse belasten wir unseren Körper auf eine Art und Weise, die im Prozess der Evolution bisher nicht berücksichtigt war. Es ist demnach durchaus naheliegend, dass wir für die steigende Zahl der Allergieerkrankungen selbst verantwortlich sind.